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Wieviel Zukunft hat Chemnitz?
Eine Bestandsaufnahme zwischen Hoffen und Bangen.
Das Szenario ist so gruselig wie realistisch: In weniger als fünzig Jahren wird jeder zweite Deutsche über 60 Jahre alt sein. So jedenfalls prognostiziert es der Präsident des Statistischen Bundesamtes Johann Hahlen. Und hat uns alle mit eingerechnet. Doch neben der ganz privaten Horrorvision vom Leben im Ruhestand verspricht der Blick in die Zukunft auch ein gesellschaftliches Desaster. Nicht nur, weil die sozialen Versorgungssysteme kollabieren. Auch weil der Wirtschaft die potenten Kunden fehlen. Konsumenten eben, die mit ihrer Gier nach neuen Produkten und innovativen Lösungen den Standard bestimmen und Fortschritt finanzieren. Nun gut, sagen da Politiker, und diskutieren wohlwollend über Zuwanderung, um das Dilemma ein bisschen aufzuhalten. Krass gesagt: Wenn wir Deutschen auf vollgeschissene Windeln keine Lust mehr haben, dann holen wir uns dafür eben ein paar Ausländer ins Land. Doch so einfach ist das natürlich nicht.

Erst recht im Osten. Da finden nicht mal mehr die Menschen eine Perspektive, die dort verwurzelt sind. Seit der Wende haben über eine Million Einwohner die neuen Bundesländer gen Westen verlassen - und noch immer sind es rund 80.000 pro Jahr. Darunter auch genügend Chemnitzer. Wobei die vorläufige Statistik über Zuzüge und Fortzüge im Jahr 2003 den geringsten Verlust an Mitbürgern seit 1990 offenbart. Die Einwohnerzahl hat sich in dieser Berechnung um 1047 verringert. Hinzu kommen die Sterbefälle. So bleiben am Ende 247.723 Chemnitzer. Davon sind 21,5 Prozent jünger als 25, genauso viele sind über 65 Jahre alt. Und das wird sich rasch ändern. Denn während in den nächsten 15 Jahren mit rund 27.000 Neugeborenen gerechnet wird, steigt die Zahl der 65jährigen um knapp 60.000. Viele Zahlen - ein Fazit: Das Durchschnittsalter in Chemnitz steigt zusehends. Da tröstet es auch nicht, dass Städte wie Leipzig oder Dresden die gleichen Sorgen haben. Und auch alle westlichen Großstädte diesem Trend verfallen. Im Gegenteil.

"Der Wettbewerb der Regionen um junge Menschen wird immer härter", vermutet die Chemnitzer Bürgermeisterin für Familie, Soziales, Kultur und Sport. Gleichzeitig weiß Barbara Ludwig auch, dass in diesem Tauziehen nur gewinnt, wer berufliche Perspektiven bietet. Und genau das ist das Problem. Die beste Stadtverwaltung kann keine Arbeits- und Ausbildungsplätze herzuzaubern. Sie kann allenfalls günstige Bedingungen für den Wirtschaftsstandort schaffen und hoffen, dass die Rechnung aufgeht. Darüber hinaus, so glaubt Barbara Ludwig, lässt sich mit Lebensqualität durchaus punkten. Da ist zum Beispiel die moderne Innenstadt, architektonisch echt fit für das junge Jahrtausend und die kommenden Ansprüche. Da sind erstklassige Wohnquartiere und Mieten in erschwinglicher Höhe. Da sind kommunale Angebote, die andernorts nicht selbstverständlich sind.


Zum Beispiel: Kinderbetreuung.

Während in Dresden kürzlich Zugangsbeschränkungen für Krippe und Hort beschlossen wurden, garantiert Chemnitz noch immer für jedes Kind eine Betreuungszeit von mindestens sechs Stunden - und bis zu elf Stunden für den Nachwuchs berufstätiger Eltern. Zudem gibt es in der Stadt auch eine Kita, die bis 20 Uhr geöffnet ist. Und das alles lässt sich die Kommune rund 25 Millionen Euro im Jahr kosten. Denn Grundlage ist ein moderates Preissystem nach Einkommensverhältnissen, wobei Familien mit mehreren Kindern besonders gefördert werden. Die Bedingungen für das Nebeneinander von beruflicher Karriere und Familie sind also nirgendwo in Deutschland besser. Allenfalls viel, viel schlechter. So können in Bayern gerademal 3,5 Prozent aller Kinder unter drei Jahren ein Betreuungsangebot in Anspruch nehmen, in Nordrhein-Westfalen sogar bloß zwei Prozent. Und trotzdem liegt die Geburtenrate in Chemnitz noch unter dem bundesdeutschen Durchschnitt. Nur in jedem dritten Haushalt leben Kinder, in vielen davon nur eins.

Denn die Entscheidung für ein Kind fällt heutzutage sehr spät. "Zuerst will man sich selbst etwas aufbauen, dann erst kommt der Kinderwunsch", erzählt Karen Bitterlich. Die 33jährige hat ihre Tochter Kira gerade aus dem Kindergarten abgeholt und ist durchaus froh über die Möglichkeiten der Kinderbetreuung. "Ich habe meine Tochter angemeldet, als sie ein halbes Jahr alt war. Mit zwei Jahren ist sie dann in die Kita gegangen. Ich habe das so zeitig gemacht, damit ich den Platz bekomme, den ich wollte. Und das hat dann ohne jede Einschränkung geklappt." Auch die 40jährige Mutter von Sabine Groß hat sich bewusst und spät für ein Kind entschieden. "Ich bin selbständig und habe lange überlegt, wie sich das Leben mit Kind organisieren lässt. In einer westdeutschen Stadt kann man das Arbeitengehen als Mutter fast vergessen. Aber bei dem Kindergarten-Angebot in Chemnitz bekommt man das alles geregelt." Nur junge alleinerziehende Mütter sehen das wohl ein bisschen anders.

"Sehr kinderfreundlich finde ich Chemnitz nicht. Es geht bei den Spielplätzen los und hört beim Geld auf. Alles kostet, auch für die kleinen Kinder schon", sagt Sandra Zocher. Wobei auch sie bestätigt: "Wir haben uns gleich nach der Geburt angemeldet, da hat dann auch alles gut geklappt mit dem Kindergartenplatz." Aber natürlich können umfangreiche Betreuungsangebote einer Kommune nicht Anlass zum Kinderwunsch sein. Allenfalls ein gutes Argument. Und deshalb wird weiter auf jeden neuen Chemnitzer gehofft. Denn, so konstatiert Barbara Ludwig: "Es gibt ja das Phänomen: Je höher entwickelt Gesellschaften und auch soziale Leistungssysteme sind, umso weniger Kinder werden geboren."


Die Chance: Zuwanderung.

Die Geschichte der Stadt Chemnitz bietet das beste Beispiel: Der wirtschaftliche Aufschwung seit der Gründerzeit machte den Industriestandort zusehends zur Großstadt. Binnen eines halben Jahrhunderts verdreifachte sich die Zahl der Einwohner von reichlich 100.000 auf über 360.000 im Jahr 1930. Überall her kamen Arbeiter, um in Chemnitz ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ein Ausnahmezustand, wie man ihn sich heute kaum noch vorstellen kann. Zum Glück gibt es noch eine Universität, die es schafft, ein paar junge Menschen nach Chemnitz zu locken. Und wenn die sich dann auch noch entscheiden, ihren Hauptwohnsitz an den Studienort zu verlegen, dann zahlt ihnen die Stadt die Semestergebühren. Viel Zuzug bringt das nicht, aber immerhin. Vielleicht lässt sich auch von der baldigen EU-Erweiterung gen Osten profitieren. Denn bei einem momentanen Ausländeranteil von nicht einmal drei Prozent kann Chemnitz noch ein bisschen Weltoffenheit vertragen.


Die Möglichkeit: Kulturelle Identität.

Gerade lässt Bürgermeisterin Barbara Ludwig einen Kulturentwicklungsplan für Chemnitz diskutieren, der auf 150 Seiten klare Ziele für die kommenden Jahre steckt. Zwei der Grundprinzipien: familienfreundlich und jugendorientiert. Dahingehend wurden sogar die Förderrichtlinien modifiziert. Denn, so Ludwig: "Jede Stadt, die eine Zukunft haben will, muss um die Minderheit, die die Jugend ja mittlerweile ist, ernsthaft kämpfen." Das heißt: Die Kommunalverwaltung will künftig richtig gute Gründe für eine lebenswerte Stadt schaffen. Vor allem will sie mehr denn je zum Ermöglichen von jungen Projekten beitragen. So jedenfalls lautet das klare Bekenntnis in der vorläufigen Fassung des Planes. "Neben der finanziellen Förderung wollen wir die jungen Leute auch viel stärker immateriell unterstützen. Denn oftmals geht es weniger um Geld als um Genehmigungen etwa für eine Party-Location oder um beratende Hilfe bei der Durchführung", sagt Ludwig. Fast klingt es, als könnte Chemnitz eine moderne Experimentierbühne für junge, wilde Ideen werden. Als wäre es möglich, in dieser Stadt eine lebendige Subkultur zu etablieren. Aber dazu braucht es Macher. Und davon gibt es derzeit längst nicht genug. Schon deshalb muss die Stadt ani-mieren. Denn glaubt man einschlägigen Untersuchungen, so avanciert das Freizeitangebot einer Stadt zum ersten Standortfaktor.

Das Fazit: Die Stadt braucht so viel Spaß, dass keiner mehr wegziehen will.

Mitarbeit: Christin Otto
Jenny Zichner
  Mail an Jenny Zichner

infos · 09.02.2010
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