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Friesisch herb
Eine andere Art von Wandzeitung
Die Einladungskarte zur Vernissage muss wohl eine vorsätzliche Täuschung sein: Schon der Titel "FRIESversION", mehr noch aber die gedichtartig komponierten Formulierungen lassen vermuten, dass die lyrisch angehauchten Resultate eines Selbstfindungszirkels per Projektion an Galeriewände geadelt werden sollen, da sich alle Verlage weigern, das Zeugs herauszubringen. Doch dann passiert im Voxxx was ganz anderes als Wortmalerei à la Weiner. Micaela Kempe hat ein in den zwanziger Jahren gedrucktes Wörterbuch der deutschen Sprache gefleddert und die Doppelseiten als umlaufenden Fries in Augenhöhe an das rauhe Mauerwerk geklebt. Die Kritzeleien auf manchen Seiten kann man zunächst für historische Zeugnisse der Unsitte halten, in Büchern (bevorzugt ausgeliehenen) rumzuschmieren.

Doch dann wird schon bald klar, dass es sich um Zutaten der Künstlerin handelt, inspiriert von den gedruckten Begriffen, aber nicht unmittelbar zuzuordnen. Neben figürlichen Darstellungen sind es auch verbale Anmerkungen oder Hervorhebungen. So wurden beispielsweise auf einer Seite alle Wörter außer "Liebhaberei" durchgestrichen. Der Ausstellungsraum ist allerdings etwas zu klein für die deutsche Sprachgewalt. Der nicht untergebrachte Rest von "Unbarmherzigkeit" bis "zweckwidrig" hängt deshalb in gewohnter Buchform neben dem Ausgang.
Unabhängig vom Inhalt der Seiten liegt der Symbolgehalt der Installation wohl vor allem in der Schichtung von Ebenen. Die weiße Tünche der Wände überlagert die Historie des Brauereigemäuers, ohne sie auszulöschen. Darüber dann das alte Buch, und dieses nochmals durch zeitgenössische Zutaten verfremdet, die selektiv verdecken oder betonen. Erinnerungen verblassen, verschwinden aber nicht völlig.

Autor: Jens Kassner

infos · 29.07.2010
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