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Eine Großstadtgeschichte
Berlin 1929. Die Wirtschaft liegt am Boden, die Menschen flüchten in Vergnügungssucht. Und Hitler gewinnt an Macht. Die Oper Chemnitz zeigt "Cabaret".
Willkommen in der Welt des Amüsements und der zerstörten Träume. Willkommen im Scheinwerferlicht. Die Vorstellung beginnt - und das Leben wird zum Spiel. Die Figuren: Ein amerikanischer Autor, der in Berlin nach einer Romanidee sucht. Ein Mädchen aus gutem Hause, das sich als gefeierter Star eines Cabarets durchschlägt. Eine alte Dame, die Zimmer vermietet. Ein jüdischer Gemüsehändler, eine fleißige Hure, ein Nazi - und der Master of Ceremonies. Gewinner treffen Verlierer, Tränen wechseln mit einem Lachen, Liebe kämpft gegen Hass. Alles hat zwei Seiten: auch die Inszenierung von Michael Heinicke. Und das nicht nur, weil sich die Zuschauer gegenübersitzen und damit das Bühnengeschehen aus grundverschiedenen Richtungen betrachten. Vielmehr noch, weil der Szenenreigen gleichsam mit hoher künstlerischer Leistung wie mit überflüssigem Plunder oder gar Profanität daherkommt.

Da bleibt pulsierendes Großstadtleben auf der Strecke für ein paar Randnotizen der Geschichte. Da wird der Hitlergruß so oft zum Symbol, dass es langweilt. Nur gut, dass die Robert-Schumann-Philharmonie unter Eckehard Stier jederzeit mitreißen kann und gnadenlos begeistert. Das schafft gleichsam Muriel Wenger als Sally Bowles: eine verführerische Sängerin, ein genusssüchtiges Weib, ein pragmatischer Geist, ein bedauernswerter Mensch, ein naives Ding. Und einfach nur eine wunderbare Frau, wenn sie in der Hoffnung auf eine freudige Reaktion offenbart, dass sie schwanger ist. Die ist wahrlich eine Attraktion im Klub, auch wenn ihr der sexy Hüftschwung fehlt. Erlebenswert auch Andreas Kindschuh als MC mit artifizieller Attitüde und diabolischer Geste. Ansonsten geht es spielerisch eher ein wenig steif zu, dafür stehen aber erstklassige Sänger auf der Bühne. Und sogar ein stimmgewaltiges Ballett, dem Gast-Choreograf Kelvin O. Hardy beste Nachtclub-Qualitäten verschafft.
Jenny Zichner
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infos · 29.07.2010
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