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In Handschellen zur Schule?
Chemnitz sagt Schulschwänzern den Kampf an. Aber machen Strafen wirklich Sinn?
Christin Otto hat das Problem mal vor Ort diskutiert.
Seien wir mal ganz ehrlich: So ziemlich jeder hat wohl schon mal die Gelegenheit genutzt, Schule einfach Schule sein zu lassen und dafür lieber richtig auszuschlafen oder einen Stadtbummel zu machen. Für mehr oder weniger glaubwürdige Ausreden sind Schüler schließlich immer kreativ genug. Aber was eine Zeit lang vielleicht als kleine Jugendsünde durchgehen könnte, wird inzwischen zum Dauerproblem. Auch die Schwänzer in Chemnitz werden immer jünger: Mittlerweile ist die Zahl der Blaumacher in den Grundschulen sogar schon höher als in den Gymnasien. An erster Stelle stehen jedoch immer noch die Mittel- und Förderschulen, danach reihen sich Berufsschulen, Grundschulen und Gymnasien ein. Dass die Klassen immer leerer werden, bemerken natürlich nicht nur die Lehrer, sondern auch die Schul-und Ordnungsämter, bei denen entsprechende Vorfälle auf dem Schreibtisch landen. Die letzte Zahl der gemeldeten Schulschwänzer in Chemnitz im Jahr 2003 beläuft sich laut Ordnungsamt auf 332, wobei von weit über 400 im gesamten Jahr ausgegangen wird.

Das mag vielleicht lapidar klingen und klar ist auch, dass Chemnitz gegenüber Großstädten wie Berlin noch lange nicht den Negativrekord hält. Alarmierend ist das Ganze trotzdem, denn die Tendenz ist alles andere als sinkend. Außerdem gilt es natürlich zu bemerken, dass aufgrund der Nachlässigkeit von Lehrern und Schulen lange nicht alle Vorfälle gemeldet werden. Wenn doch, hatte dies in vielen Fällen Bußgeldbescheide an die Eltern zur Folge. "Für das erstmalige Schwänzen wird ein Bußgeld von 30 Euro fällig, Wiederholungstäter müssen mit 100 Euro rechnen, in ganz harten Fällen ist eine Höchststrafe von 1250 Euro möglich", erklärt Einar Bergmann, Abteilungsleiter im Ordnungsamt. "Inwieweit das wirklich wirksam ist, stellt natürlich eine ganz andere Frage dar. Schließlich müssen erst Schüler ab 18 Jahren wirklich selber bezahlen, bis 14 Jahre die Eltern und ab 14 wird die Bußgeldzahlung unter Absprache zwischen Eltern und Kindern aufgeteilt." In Chemnitz ist der Umgang mit solchen Problemfällen noch relativ relaxed. Da fahren andere Bundesländer weitaus härtere Geschütze auf. Bremen plant eine Kürzung des Kindergeldes in extremen Fällen, und in Nürnberg werden Dauerschwänzer vor Unterrichtsbeginn aus dem Bett geklingelt und beim Rektor abgeliefert. In Hannover, Osnabrück, Delmenhorst und dem Kreis Friesland spüren Polizisten, in Absprache mit den Schul- und Ordnungsämtern, wiederholten Schulschwänzern auf der Straße auf und führen sie im Polizeiwagen zur Schule.

Aber nicht nur hierzulande haben die Schulen ihre Wege und Mittel gefunden. In England und im australischen Bundesstaat Victoria werden derzeit Eltern sofort per SMS über das Fernleiben ihrer Schützlinge informiert, außerdem haben sie online Einsicht in das Klassenbuch ihres Zöglings. Kein Wunder, denn täglich schwänzen 30.000 Briten die Schule. Über die SMS-Idee wird mittlerweile auch in Deutschland nachgedacht, im Dortmunder Stadtteil Derne ist sie neuerdings schon gang und gäbe. Straffällig gewordene notorische Schulschwänzer sollen nach dem Willen des brandenburgischen Innenministers Jörg Schönbohm künftig sogar mit elektronischen Fußfesseln überwacht werden. "Um Gottes Willen! Soweit wollen wir nicht gehen", meint Bergmann. "Im Januar wird über gemischte Streifen mit Ordnungskräften und Polizei, die regelmäßig Internetcafés, Spielhallen oder Einkaufs-zentren nach schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen durchsuchen, diskutiert", fügt er hinzu. Da heißt es dann für alle ab 10 Uhr in der Stadt rumlungernden Schüler: "Müsstest du nicht eigentlich in der Schule sein?" Eines betont Bergmann allerdings: "Wir sind das letzte Glied in der Kette, und wenn man von einem weiß-grünem ,Taxi‘ zur Schule gefahren wird, finden das manche sicherlich noch ,cool‘. Mit der Ursachenbekämpfung muss an ganz anderen Stellen angesetzt werden."

Schulschwänzer - ein gefundenes Fressen für all diejenigen, die nur zu gerne über "die Jugend heutzutage" lamentieren. Doch sollte man nicht erst einmal nach den Gründen fragen? Ist es wirklich nur eine "Null-Bock-Generation", die da heranwächst, oder liegen die Fehler im Schulsystem? Sind die Lehrer einfach nicht mehr motiviert genug, oder machen sich die Jugendlichen untereinander das Leben so schwer, dass einzelne aus Angst vor Diskriminierungen nicht mehr kommen? Und wo fängt Schwänzen eigentlich an?

Wo ließe sich den Fragen besser auf den Grund gehen als an den Schulen selbst? Also auf zur Fragestunde ans Johannes-Kepler-Gymnasium, wo genau über dieses Thema mit den Schülern eines Deutsch-Leistungs-kurses der zwölften Klasse kräftig diskutiert wurde.


Wir möchten heute mit euch über "Schulschwänzer" diskutieren. Also wer von euch hat denn noch nie geschwänzt?

Stille. Niemand meldet sich

Na gut. Keine Antwort ist auch eine Antwort.Wo fängt für euch Schulschwänzen eigentlich an? Schließlich seid ihr 18 und könnt euch die Entschuldigungen selber schreiben. Aber was ist, wenn man dabei geflunkert hat?

R: Das kann man schon als Schwänzen bezeichnen.

V: Naja, wenn es nicht ständig vorkommt, kann man das schon mal machen. Schwänzen ist, wenn man mal den ganzen Tag blau macht oder regelmäßig fehlt.

L: Also für mich fängt das an, wenn man wirklich Klausuren nicht mitschreibt und LKs verpasst. Wenn ich zum Beispiel weiß, dass ich anderweitig lernen muss, dann lass ich das weg, was einfach nur Beschäftigungstherapie ist.
Damit wären wir ja schon beim nächsten Punkt. Woran liegt es denn? An den Lehrern oder weil manche Fächer nur "Beschäftigungstherapie" sind?

V: Das liegt an solchen Fächern, in denen man nur versucht, die notwendigen Stundenzahlen zu kriegen.

L: Naja und das kotzt dann natürlich auch den Lehrer an, wenn er da vorne steht und der Schüler sich nur denkt: "Ist zwar schön, was du da erzählst, aber ich brauch's sowieso nicht." Es gibt aber auch Lehrer, die nicht die Kompetenz haben, wirklich an einem Gymnasium zu unterrichten.
Denkt ihr nicht, das die Schuld auch bei den Schülern liegt? Könnte man heutzutage sogar von einer Null-Bock-Generation sprechen?

L: Ich denke schon, dass Interesse da ist. Ich weiß nicht, ob man das mit der Null-Bock-Generation so allgemein sagen kann. Bei manchen Dingen fragt man sich eben einfach, was das bringen soll. Bei den Leistungskursen ist das noch was anderes, denn die hat man sich ja ausgesucht, weil man sie machen möchte.


Was müsste denn anders sein, um die Schüler trotzdem zu begeistern?

C: Die Lehrer sind in ihren Methoden größtenteils viel zu steif und festgefahren. Oft sind sie nicht kreativ genug, noch etwas wirklich Interessantes einzubringen.

L: Na das Problem ist auch, dass die Lehrpläne überhaupt nicht aufeinander abgestimmt sind. Die Inhalte sind einfach nicht fächerübergreifend. Früher bestand auch irgendwie noch mehr der Zwang, etwas zu machen.

R: Heutzutage ist das Ganze einfach viel zu lasch. Man gibt eine Entschuldigung mit irgendwelchen fadenscheinigen Gründen ab, und das war's dann. Es gibt ja Schulen, in denen musst du eine Statistik führen, wann du gefehlt hast und die Gründe angeben. Da fällt es schon auf, wenn du nach zwei Wochen ein neues verlangst, weil das andere voll ist. Und da gibt es dann auch entsprechende Schulstrafen, um auf den neuen Gesetzesentwurf anzuspielen. Laut dem sollen die Schwänzer ja dann vier Wochen von der Schule ausgeschlossen werden.

V: Aber wenn das so eine Strafe ist, halte ich das für wenig sinnvoll. Das ist ja dann eher wie Urlaub.


Was schlagt ihr stattdessen vor?

R: Na erst einmal eine nachvollziehbare Statistik, die jeder Schüler über seine Fehlstunden führen muss. Da können Lehrer und Direktor nachvollziehen, wenn du jedesmal ausgerechnet vor Ethik Bauchschmerzen hast, das da was nicht stimmen kann.

L: Aber damit bekämpfst du ja nicht die Ursachen, sondern nur die Folgen. Da sollte man lieber was am Schulsystem ändern. Ich denke aber auch, dass das Hauptproblem des Schwänzens nicht an den Gymnasien liegt, denn man kann hier schon noch unterscheiden, was wichtig ist und was nicht.


Das stimmt. Die Gymnasien liegen abgeschlagen in der Schwänzer-Statistik. Förder- und Mittelschulen sind die Spitzenreiter. Was aber wiederum erstaunlich scheint, ist die Tatsache, dass die Grundschulen noch vor den Gymnasien stehen.

L: Das ist wirklich komisch. In dem Alter macht das doch noch richtig Spaß. Warum kommen die da nicht zur Schule - da muss doch was mit den Lehrern nicht stimmen, wenn sie nicht einmal mehr die Kleinen begeistern können.


Dass da "was mit den Lehrern nicht stimmt", ist natürlich immer leicht gesagt. Im allgemeinen ist es auch der Weg des geringsten Widerstands, die Schuld auf andere zu schieben. Aber ist es auch der richtige Weg? Wie auch immer - wir wollen es auch in diesem Fall genauer wissen: Sind "unsere Kleinen" wirklich schon notorische Schulschwänzer, und geben sie es zu? Macht Schule noch Spaß, oder ist sie nur noch notwendiges Übel?

Wir besuchten eine siebente Hauptschulklasse an der Georg-Weerth-Schule, die gerade anstrebt, Schulmodell bzw. Ganztagsschule zu werden. Das bedeutet Block-unterricht, schülerfreundliche Lehrmethoden zur Förderung von Teamarbeit und Eigeninitiative und ein vielfältiges AG-Angebot. Weiterhin gibt es in der siebenten Klasse eine Projektwoche und in der achten Klasse ein Betriebspraktikum, wobei die Schüler Einblick in verschiedene Berufsfelder erhalten. "Spätestens da sollte bei den Schülern der Groschen fallen, dass man für einen guten Job etwas tun und bestimmte Anforderungen erfüllen muss", erklärt die stellvertretende Schulleiterin Kerstin Wilde. Doch wissen die Schüler all diese Bemühungen zu schätzen? Bewusst suchen wir eine "Problemklasse" auf - und eines ist schon vorab klar: Es gibt so einige Schwänzer in dieser Klasse, und auch das familiäre Umfeld ist in vielen Fällen nicht das beste. Einer der Schüler ist notorischer Blaumacher und schon lange nicht mehr an der Schule gesehen worden. Eine andere Schülerin hingegen wurde eine Zeit lang jeden Morgen von ihrer Mutter persönlich zur Schule gebracht und von Lehrern zu jedem Zimmer begleitet, weil sie sonst sofort wieder gegangen wäre. Das verspricht eine interessante Diskussion:


Wie auch schon in einer anderen Klasse, möchten wir heute mit euch über Schulschwänzen sprechen. Wer von euch hat denn schon mal geschwänzt?

Ungefähr ein Viertel der Schüler meldet sich

Wie habt ihr das dann angestellt? Habt ihr gesagt, dass ihr krank seid, seid ihr einfach gegangen oder gar nicht erst gekommen?

S: Ich bin einfach gegangen - keinen Bock eben.
Worauf hast du denn keinen Bock?

S: Alles. Es ist eben langweilig, und die Lehrer sind viel zu streng.


Es haben sich doch vorhin mehrere gemeldet. Was habt ihr den geschwänzt?

S: Eislaufen.


Warum das denn? Das ist doch eigentlich was ganz Schönes.

S: Naja Eislaufen eben - sinnlos.


Was gibt es denn dann, was euch überhaupt Spaß machen würde?

Klasse: Sport, Basketball ...oder Fußball!


Aber alleine mit Sport kommt man sicher nicht weit. Ihr habt doch bestimmt alle einen Berufswunsch - was ist das denn so?

Klasse: Computeringenieur... Kosmetikerin... KfZ-Mechaniker... Kellnerin
Dann habt ihr ja Vorstellungen, bloß müsst ihr euch ja auch überlegen, dass einem sowas nicht einfach in den Schoß fällt.

Habt ihr denn den Anspruch an euch selbst, etwas für die Schule zu tun, um dann schließlich auch eure Ziele zu erreichen?

M: Für das, was ich machen will, braucht man das Ganze nicht, und das lernt man hier auch nicht. Ich will Koch werden.

D: Es kommt drauf an - es gibt gute und schlechte Fächer.

R: Die Lehrer dürften einfach nicht mehr so fest an ihren Lehrplänen kleben und dann meckern, wenn sie es nicht alles schaffen. Da werden einfach nur tausende an Folien aufgelegt, die wir dann abschreiben müssen und das war's. Das ist doch langweilig.


Was müsste sich denn ändern, damit der Unterricht besser wird?

S: Wir müssten noch mehr Videos gucken und alles eher auf die spielerische Weise erlernen.


Aber ihr seid ja auch keine Kleinkinder mehr. Nur Videos anschauen und alles spielerisch gestalten alleine geht nicht. Lasst ihr den Lehrer denn spüren, wenn euch alles ankotzt?

C: Na, wir lassen den Lehrer schon merken, wenn wir uns schlecht behandelt fühlen. Das Druckmittel, wenn irgendetwas nicht gleich richtig klappt, ist eben immer, dass wir sofort eine Arbeit schreiben. Oder man wird gleich den ganzen Unterricht über rausgeschickt und bekommt dann ewig lange Hausarbeiten aufgedrückt, die dann immer übelst schlecht bewertet werden, obwohl man sich eigentlich Mühe gegeben hat.


Und denkt ihr, dass ihr vielleicht auch etwas an eurer eigenen Einstellung ändern müsstet, oder liegt alles an den Lehrern?

Klasse: Es liegt schon größtenteils an den Lehrern und an den Fächern. Das ist alles viel zu trocken und zu langweilig.


Aber habt ihr nicht auch das Bedürfnis nach einer gewissen Allgemeinbildung?

S: Manche Sachen braucht man einfach nicht. Warum soll ich zum Beispiel wissen, wie groß China ist.

J: Oder was vor ein paar tausend Jahren war, interessiert mich auch nicht. Oder zum Beispiel: Wofür brauch ich für meine Zukunft Bruchrechnung?


Und wenn ihr dann denkt, dass alles langweilig und sinnlos ist, schwänzt ihr also. Was denkt ihr denn, was das so für Folgen haben kann?

Klasse: Bußgelder... schlechte Zensuren... Einträge und Verweise.


Und hat das schon mal jemanden von euch getroffen?

C: Ja, ich hatte schon mal ein Bußgeld und hab dann zu Hause Fernsehverbot bekommen. Ich musste dann versprechen, dass ich nicht mehr schwänze. Da haben das meine Eltern bezahlt.
Warum hast du denn geschwänzt?

C: Ich wurde damals von einem Älteren verkloppt und hab dann die Schule gewechselt.

S: Ich hatte auch schon Einträge.


Und was sagen eure Eltern dazu? Passen die dann auf, ob ihr zur Schule geht oder kontrollieren, dass ihr eure Aufgaben macht?

J: Naja, das ist unterschiedlich.

S: Bei mir gab's nen ordentlichen Anschiss und das war's.


Haltet ihr solche Strafen wie Bußgelder oder den Einsatz von Polizeistreifen denn für sinnvoll?

M: Also ich finde das gut. Man hat ein kostenloses Taxi.

Zu erwarten oder eher schockierend? Kann Besserung überhaupt in Sicht sein? Da will sich die Bundesrepublik nun in Zukunft mit Eliteschulen brüsten, doch wo bitteschön soll die zukünftige Elite denn herkommen? Das Bewusstsein, dass man sich mit Schwänzen und schlechten Zensuren seine ganze Zukunft verbauen kann, scheint in den jüngeren Klassen einfach nicht ausgeprägt genug zu sein. Natürlich kann man nicht verleugnen, dass auch das Elternhaus und das soziale Umfeld eine extrem wichtige Rolle spielen. Wenn Jugendliche vorgelebt bekommen, dass man sich auch mit Sozialhilfe halbwegs durchs Leben schlagen kann, geht oft der Anspruch an die eigene Person verloren. Andererseits sind auch die Behauptungen der Schüler sicher nicht aus der Luft gegriffen, an den Lehrmethoden und der Kreativität der Lehrer könnte sich noch einiges verbessern. Stimmigere Lehrpläne und mehr Praxis als Theorie sind sicher keine schlechten Vorschläge. Gegenseitiger Respekt: Die Schüler müssen merken, dass sie ernst genommen werden, ebenso wie Lehrer einen Sinn in ihrem Beruf erkennen müssen, damit die Motivation nicht irgendwann auf der Strecke bleibt. Doch eines kann man wohl sagen: Gefängnisse voller Schulschwänzer wird es wohl nicht geben und wirklich effektiv sind all die Schulstrafen nicht. Bei einer Pflanze gießt man schließlich auch die Wurzel und nicht die Äste. Aber was nützen all die schönen Worte, Taten müssen folgen. Also lasst uns mit einem Zitat von Aritha Franklin schließen: "Just a little bit respect!"

infos · 09.02.2010
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