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Last Exit Moderne?
Wohin steuert Chemnitz - eine Polemik von Jens Kassner
Ob wirklich viele Reisende spontan die nächste Abfahrt ansteuern, wenn sie irgendwo eines der braunen Hinweisschilder am Rande der Autobahn sehen, wäre vielleicht dankbares Thema für eine Diplomarbeit. Ich habe mich noch nie dazu hinreißen lassen, dieserart die Kurve zu kriegen. Aber zumindest beim mehrmaligen Passieren einer Strecke kommt es vor, dass eine Gedankennotiz entsteht: "Das sollte man sich mal für einen Ausflug vornehmen."
Als im regnerischen Sommer des vorigen Jahres solche Schilder auch an den immer zahlreicher werdenden Chemnitzer Autobahnabfahrten (ist diese Vermehrung etwa schon ein Zeichen von Modernität?) aufgestellt wurden, hätte eigentlich ein Aufatmen zu hören sein müssen: "Endlich!" Doch da war eher ein Grummeln zu vernehmen. Selbst Stadträte, die das Ding mit abgesegnet hatten, neigten zur kritischen Nachfrage. "Stadt der Moderne" - wer hat denn diesen Slogan erfunden?
Er steht im Kulturentwicklungsplan, der 2004 ebenfalls vom Stadtrat durchgewinkt wurde. Und dort hat ihn Michael Quast, seit Herbst 2006 Chef der für das Stadtmarketing zuständigen CMT gefunden und zum neuen Motto erhoben. Erinnert sich eigentlich noch einer der Kritiker daran, was der vorherige, relativ kurzlebige Slogan war? Und wer den erfunden hat? Und wie heftig darüber in der Öffentlichkeit diskutiert wurde? Um nun keine Hektik unnötiger Recherchearbeiten auszulösen gleich die Auflösung: "Das neue Chemnitz nannte sich der von einer auswärtigen Agentur für eine mir unbekannte Honorarsumme ersonnene sympathieheischende Spruch. Gestritten wurde darüber überhaupt nicht. Wozu auch? Über ein Messer ohne Griff, dem die Klinge fehlt, muss man nicht viel reden.
Strategisch sinnvoll mag es allerdings wirklich nicht gerade gewesen sein, zuerst die Fernstraßen zu bepflastern, um dann aus einer Stellung mit dem Rücken zur Wand die eigentlich Beworbenen, die Chemnitzer also, vom Inhalt der neuen Überschrift zu überzeugen. Oder auch nicht. Eine finanziell gut unterfütterte Kampagne zur Vermittlung innerhalb der Kommune wurde jedenfalls von der CMT im Frühjahr angeschoben, dann aber auf Eis gelegt. Und diese Vermittlung ist sicher dringlich, denn "Stadt der Moderne" rutscht garantiert nicht so süffig durch die Kehlen der Lokalpatrioten und Multiplikatoren wie "Das neue Chemnitz". Somit überrascht das Ergebnis einer Internetumfrage der CDU-Fraktion des Chemnitzer Stadtrates nicht, bei der zum Vorschein kam, dass nur 27 Prozent der Befragten den Slogan bevorzugen. Daraus wurde sofort der Schluss gezogen, die Bevölkerung sei dagegen. Das ist sehr einfach, wenn man nicht dazu sagt, wie viele Bürger eigentlich ihr Votum abgaben.

Drei Kreise
Es stimmt schon. Man muss zumindest erst einmal darüber nachdenken, was mit dem sperrigen Begriff -
"Moderne" denn eigentlich gemeint ist. In einer "Stadt mit Köpfchen" oder gar "Innovationswerkstadt", um frühere und teilweise noch in Umlauf befindliche Werbetexte zu bemühen, kann das Denken doch wohl nicht so schwer fallen.
Außerdem gibt es Bücher, in denen jeder nachschlagen kann. Aber da beginnen auch schon gewisse Schwierigkeiten. Eine allgemein anerkannte, schlüssige Definition ist nicht vorhanden. Vielmehr schälen sich aus dem Wust von Interpretationen drei unterschiedlich dimensionierte Deutungskreise heraus. Ein kleiner theorielastiger Exkurs ist an dieser Stelle also unvermeidbar.
Am bekanntesten ist sicherlich die Konzentration auf die Klassische Moderne der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Gern wird das Label "Bauhaus" draufgeklebt, doch selbst bei einer zeitlichen Einschränkung auf die Zwanziger ist das eine unzulässige Verallgemeinerung. Das Attribut "klassisch" drückt aber schon aus, dass es sich um etwas Gewesenes handelt. Darum werden Neuauflagen von den Theoretikern dann als "zweite", "dritte" oder sonstige Moderne etikettiert. Schließlich gab es auch mal eine Postmoderne, die sich als Sargträger von Gropius, Le Corbusier und Mies van der Rohe verstand. Doch diese Modewelle ist unterdessen so was von "post", wie es die Moderne nie sein kann. Einen positiven Effekt hatte die Rebellion der Postmoderne allerdings. Die drastische Verflachung zum primitiven Zweckrationalismus á la Heckert-Gebiet ging so nicht weiter. Die Funktionalisten wurden gezwungen, sich selbst neu zu erfinden.
Die zweite Kreisziehung des Begriffes geht bis zur Aufklärung und Industrialisierung zurück, also die Wende zum 19. Jahrhundert. Damals wurden die Weichen für die heutige globalisierte, technisierte, berechnende und ungläubige Welt gestellt. Französischer Esprit, englischer Erfindergeist und deutsche Gründlichkeit verbreiteten sich bald über große Teile Europas. Die Kultur schien dabei eher am langen Schlepptau der nagelneuen Lokomotiven zu hängen, als selbst Zugkraft zu sein.
Letztlich gibt es noch die Modernerezeption, die das Ende des Mittelalters als den entscheidenden Umbruch ansieht. Bezeichnungen wie Renaissance und Reformation stehen symptomatisch für den Neubeginn um 1500.

Wie modern ist die Stadt?
Was hat nun Chemnitz damit zu tun, um sich als "Stadt der Moderne" zu bezeichnen? Bei dem ersten Definitionsansatz ist es relativ leicht, Begründungen zu finden. Auch wenn es sich überregional noch nicht rumgesprochen hat: Die Stadt besitzt eine hohe Dichte an bemerkenswerten Bauwerken des sogenannten Neuen Bauens. Stadtbad und Sparkasse (heute Museum Gunzenhauser), Diesterweg-Schule und Firma Emden, Feistel-Villa und Stern-Garage und und und... Natürlich auch Mendelsohns Meisterwerk: das Schocken an der Brückenstraße. Schon im 19. Jahrhundert war das Chemnitzer Bauen über Jahrzehnte von einer sehr schlichten Proto-Moderne gekennzeichnet, bis der Historismus mit voller Wucht hereinschwappte. Die Villa Esche, van de Veldes Paukenschlag kurz nach 1900, war deshalb nicht sonderlich populär. Auch Edvard Munch nicht, mehrmaliger Gast der Esches. Seine erste Ausstellung in Chemnitz musste nach heftigen Protesten vorzeitig geschlossen werden. Doch auf einem Gebiet vollzog sich fast widerspruchslos eine Revolution. Wer sich heute die Damenstrümpfe ansieht, die in Chemnitz zu Beginn des 20. Jahrhunderts gefertigt wurden, kann wegen der radikalen Modernität den Angaben zur Entstehungszeit kaum glauben. Es ist aber auch die Zeit, in der Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel und Freunde genau in Chemnitz den deutschen Expressionismus begründeten - welcher anderswo zur Blüte reifte. Ebenso kehrte die Bauhaus-Legende Marianne Brandt erst nach ihrer besten Schaffensphase auf den Kaßberg zurück.
Der kurze, aber heftige Höhenflug der späten Zwanziger beschränkt sich nicht auf die Architektur. Die gerade erst gegründeten Städtischen Kunstsammlungen unter Friedrich Schreiber-Weigand und der private Kunstsalon Gerstenberger stellten vieles aus, was in der progressiven Malerei und Plastik dieser Zeit international Aufsehen erregte. Folgerichtig wurde der Museumsdirektor schon 1933 entlassen.
Als Nikita Chrustschow 1956 ein Tauwetter auslöste, schienen die Architekten der unterdessen nach Karl Marx benannten Stadt nur darauf gewartet zu haben, nach der von einem gescheiterten Landschaftsmaler aus Braunau ausgelösten Verdammung der Moderne als "entartet" wieder an die Zeit vor 1933 anknüpfen zu können. Mit einem Jahrzehnt Verzögerung folgte dann die Produktgestaltung. Dazu gehört das (gescheiterte) Experiment, erstmals einer Großstadt ein einheitliches Corporate Design zu geben, wie man es heute nennen würde. In den Siebzigern schließlich explodierte die Kunstszene, auch das Theater gewann an Format.
Es folgte eine bleierne Zeit. Während diese anderswo kurz nach der politischen Wende endete (verbunden mit dem hastigen Import halbgewalkter Scheußlichkeiten), schien in Chemnitz noch für längere Zeit nichts zu gehen. Bei der City-Bebauung wurde 2000 der Durchbruch geschafft, wenn auch ausgerechnet mit Kollhoffs grausam-historisierendem Fassadenzauber der "Galerie Roter Turm". Besseres folgte. In den meisten Kultursparten hingegen bleibt nicht viel mehr als das Zehren von gerade noch vorhandener Substanz bei absehbarem Ende und die Erinnerung an große Zeiten.

Bezüglich der zweiten Einkreisung des Moderne-Begriffs kann Chemnitz für sich in Anspruch nehmen, in ganz Sachsen die Pionierrolle der Industriellen Revolution gespielt zu haben. Auch deutschlandweit gibt es höchstens im mittleren Rheingebiet vergleichbare Erfolgsstories. Die frühzeitig aufgekommene Bezeichnung "Sächsisches Manchester" ist hart erarbeitet worden. Wer Friedrich Engels’ Beschreibung des wirklichen Manchester und seiner Bewohner gelesen hat, weiß auch, dass dies nicht in jeder Beziehung ein Lob ist. Das volkstümliche "Ruß-Chamtz" als Pendant der Exportvariante jener Imagepflege vor 150 Jahren steht dafür.
In Sachen Fleiß, Erfindergeist und wirtschaftlichem Wagemut hat Chemnitz bis in die Gegenwart trotz mancher Einbrüche vieles bewahren können. Nach Aussage des Urbanisten Alexander Bergmann soll Chemnitz sogar die einzige deutsche Großstadt sein, die sich nach wie vor zum Image der Industriestadt bekennt. Wenn das kein Alleinstellungsmerkmal ist! Andererseits geht Ingenieurgeist nicht zwangsläufig mit kultureller und intellektueller Aufklärung einher. So ist es noch heute keine Ausnahme, dass Leute, die tagsüber an der Entwicklung von Superrechnern arbeiten, abends für ein Figürliches Glockenspiel oder die Wiedererrichtung des Saxonia-Denkmals kämpfen.
Nun bleibt noch der dritte Kreis zu beleuchten. Da findet sich Beachtliches. Georgius Agricola - Arzt, Wissenschaftler, Bürgermeister - hat in der Stadt die moderne Montanwissenschaft begründet. Die Familie Neefe wie auch Ulrich Schütz und andere Aktivisten haben die Grundlagen der kapitalistischen Produktionsweise gelegt. Außerdem ist das 1357 errungene Bleichprivileg der Ausgangspunkt des "Sächsischen Manchester". In der Kunst ging dieser Aufbruch mit dem Wirken Hans Wittens, Peter Breuers, Franz Maidburgs und anderer Genies der späten Gotik einher.

Wozu Etiketten?
Bei all der nötigen Verknappung ist hoffentlich deutlich geworden, dass Chemnitz mit der Moderne in all ihren Deutungsvarianten ziemlich viel zu tun hat. Im Guten wie Schlechten. Von der Freien Presse wurde DAS-tietz-Chef Dr. Werner Rohr zum Wortführer der Kritiker-Fraktion des Slogans erhoben. Er fragt: "Moderne gleich gut?" Das kann eindeutig mit der von ihm selbst gelieferten Antwort "Ach du Gott!" zurückgegeben werden. Naturphänomene wie der Steinerne Wald stehen jenseits der moralischen Kategorien gut/böse, auch wenn die damals in den Chemnitzer Schachtelhalmwäldern lebenden Reptilien die Eruption des Beutenberges vermutlich nicht so toll fanden. Menschliches Tun ist jedoch immer ambivalent. Wer mit dem Namen Goethes Werbung betreibt, muss sich auch fragen lassen, ob alles, was der Dichterfürst geschrieben und getrieben hat, wirklich korrekt war. Bei Epochenbezeichnungen wie "Moderne" ist es nicht anders. Gotik war mal ein Schimpfwort, Barock ebenso. Und welche Zweifelhaftigkeiten produzierte gar der Historismus in Größenordnungen. Die Moderne hat ebenso jede Menge Dreck am Stecken. Dazu gehört Rußchamtz gleichermaßen wie das Heckert-Gebiet, wenn man sich allein im lokalen Rahmen bewegt. Und jede Menge Kunst, die als modern gilt, aber einfach nur unbedarft ist.
1980 hat Jürgen Habermas in seinem Essay "Die Moderne - ein unvollendetes Projekt" geschrieben: "Ich meine, daß wir eher aus den Verirrungen, die das Projekt der Moderne begleitet haben, aus den Fehlern der verstiegenen Aufhebungsprogramme lernen, statt die Moderne und ihr Projekt selbst verloren geben sollten." Das meine ich auch, trotz des Abstandes von 28 Jahren.

Nun bleibt trotzdem noch die Frage, ob solch ein Überbegriff für die Stadt denn eigentlich nötig und sinnvoll ist. Dass Städte heute wie Industrieprodukte ein Marketing benötigen, ist ein Resultat der modernen kapitalistischen Warenwelt. Innerhalb dieses ökonomischen Systems kommt keiner mehr dran vorbei. Selbst Metropolen, die es nicht nötig zu haben scheinen, geben sich Werbesprüche. "Arm, aber sexy" - Berlin ist völlig pleite, macht daraus aber noch eine Tugend. Und Kreative aus aller Welt strömen in die Hauptstadt, um dort arm zu bleiben, aber vielleicht ein kleines bisschen sexy zu werden. Chemnitz ist im Vergleich zu Berlin eine reiche Stadt, aber nicht gerade erregend.
Für Kleinstädte mag eine einzige Attraktion oder ein dort geborener Promi ausreichend sein für das Marketing. Für Kommunen wie Chemnitz ist aber mehr Spielraum innerhalb des Imageträgers nötig. Darum reichen auch solche Attraktionen wie der Steinerne Wald oder der Marx-Kopf nicht aus. Sowieso sollte sich die Großstadt mit dem höchsten Altersdurchschnitt der Bevölkerung hüten, Fossilien als Aushängeschild zu benutzen.
Die Alternative Moderne vs. Steinerner Wald ist aber eine scheinbare. Wenn tatsächlich Busladungen japanischer Touristen nach Chemnitz kommen, um die verkieselten Stämme zu knipsen, ist das gut so. Das steht nicht im Widerspruch zum Marketingspruch. Der tatsächliche Gegenpol zur Moderne ist der Drang zur Gemütlichkeit, zum seeligen Mitschunkeln bei volksdümmlichen Weisen.

Auch wenn man mal die nicht ganz ernst zu nehmende CDU-Onlineumfrage beiseite lässt, scheint es fakt zu sein: Die "Stadt der Moderne" ist bei der Mehrheit der Chemnitzer noch nicht angekommen - emotional wie intellektuell. Dass im Unterschied zu früheren Slogans wie "Das neue Chemnitz" oder gar das basisdemokratisch hervorgewürgte "Chemnitz - gut hier zu sein2 jetzt aber ein öffentlicher Streit herrscht, ist ein gutes Zeichen.
Stadt der Moderne - das ist kein glattes, weichgespültes Marktschreier-Idiom. Das Etikett ist sperrig, eckig und unbequem. Es zwingt zum Nachdenken. Interessant ist, dass es bei auswärtigen Beobachtern offenbar besser ankommt als intern. Das haben vor allem die Presseberichte zur Gunzenhauser-Eröffnung im Dezember letzten Jahres gezeigt, in denen das neue Label der Stadt von Leipziger Volkszeitung bis Frankfurter Allgemeine durchaus wohlwollend aufgenommen wurde.
Nun wäre es höchste Zeit für CMT und Rathaus auch nachzulegen und zumindest Teile der Bevölkerung von der Nachhaltigkeit der Überschrift zu überzeugen. Der gerade angelaufene Architektursommer mit seinem Sammelsurium an Veranstaltungen ohne erkennbares Profil ist wohl noch nicht der große Wurf in dieser Hinsicht. Und ob es eine Kampagne in durchgestylter Werbesprache mit bunten Bildern auf Hochglanzpapier bringt, erscheint mir ebenso fragwürdig. Sinnvoller wäre wohl, die Sache nicht vordergründig als Vermarktungs-, sondern vielmehr als Gestaltungsaufgabe anzusehen. Dazu könnte gehören, die Stadt wieder zu einem wichtigen Standort der Produktkultur zu machen. Ein entsprechender Knotenpunkt wäre im Industriemuseum besser aufgehoben als klebrige Gummibärchen.
Moderne ist zwar zunächst eine Epochenbezeichnung, vor allem aber eine Geisteshaltung. Sie beinhaltet die Bereitschaft zum ständigen Infragestellen des Vorhandenen, den Mut zum Neuen. Das ist anstrengend und riskant. Doch Chemnitz hat schon ganz andere Anstrengungen und Risiken bewältigt.

infos · 03.09.2010
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