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Moderne ohne neue Ideen
Die neue Imagekampagne der Stadt. Ein Kommentar von Jenny Zichner
Es ist ein bisschen so, als würde einer mit Tulpen für exotische Pflanzen werben. Denn das, was die Oberbürgermeisterin als Image-Kampagne für die Stadt der Moderne präsentierte, ist nicht mehr als solides Handwerk. Es ist weder mutig, noch fortschrittlich. Es ist nicht innovativ und schon gar nicht modern. Es ist gerade das, was unter der Federführung der City-Management und Tourismus GmbH zu erwarten war: Mittelmaß. Aber genau das ist die Stadt eben nicht. Sie ist ein gewichtiger Wirtschaftsstandort, sie hat kulturelles und wissenschaftliches Potential. Ihr großes Manko ist der Pessimismus und der fehlende Stolz der Bürger. Den zu wecken, wäre eine große Tat. Doch dafür braucht es neue Werte, nicht immer wieder Heym und Brandt und VW und Schmidt-Rottluff. Mit denen versuchen wir’s schon seit Jahrzehnten - und es klappt nicht. Einfach, weil sich aus den berühmten Namen kein Lebensgefühl ableitet. Vielmehr schreit es nun von den Plakaten: Früher war alles besser. Kein Wunder also, dass die Ablehnung groß ist. Denn so viel Gespür für ihre Stadt haben die Chemnitzer noch, dass sie die Reduzierung auf Fließband und Kulturerbe nicht zulassen. So treffend wie die Bezeichnung "Stadt der Moderne", so phantasielos ist nun die Auslegung des Begriffs. Vielleicht wäre sie gerade noch vertretbar, wenn sie Chemnitz in der Welt interessant machen sollte. Aber die Kampagne ist speziell für die Einwohner konzipiert: Und die sehen mal wieder nirgends Urbanität, nirgends Lebensqualität, nirgends Kinderfreundlichkeit, nirgends Spaß. Nur berühmte Aschenbecher, menschenleere Architektur-Aufnahmen, tote Dichter... Wie sollte es auch anders sein - Werbung ist immer nur so gut, wie es der Marketing-Chef zulässt. Und Michael Quast, Geschäftsführer der CMT, schaut seit Jahren recht emotionslos auf unsere Stadt.
Dazu kommt, dass er entweder nicht in der Lage oder nicht Willens war, die beste Agentur für diesen Auftrag zu finden. Kein halbwegs namhafter Werber begibt sich in ein Auswahlverfahren mit 28 Teilnehmern. Üblich ist in solchen Fällen ein Screening, bei dem sich alle Agenturen kurz vorstellen können, damit dann etwa fünf von ihnen die Einladung zur Wettbewerbspräsentation bekommen. Für "Zebra", eine der größten inhabergeführten Werbeagenturen im Osten, war dieser Massenstart zum Beispiel ein No Go. Noch dazu, so erzählte kürzlich Mitinhaber Jörg Fieback, wurde den Beteiligten vorab eröffnet, es gäbe noch nicht mal die finanziellen Mittel, die Kampagne später auch umzusetzen. Also ließen die preisgekrönten Kreativen aus Chemnitz die Finger davon. So standen am Ende kaum schlagkräftige Büros zur Auswahl, allein Simons & Schreiber aus Leipzig hatten in der Runde die Größe und das Potential für einen so umfangreichen Auftrag - und bekamen ihn folgerichtig. Aber warum beteiligt sich unter diesen Bedingungen überhaupt eine angesehene Agentur? Wahrscheinlich weil man bekannt ist - seit 1996. Damals war Michael Quast noch Leiter der Tourist-Information in Leipzig, die von Simons & Schreiber werblich betreut wurde. Alles legitim, wenn das Ergebnis stimmt.
So aber haben wir jetzt ein neues Logo, eine allenfalls hübsche Bearbeitung des kühnen Entwurfs von Melle.Pufe dereinst: aus dem Kreis mit zentralem C wurde ein Quadrat mit einem flüchtigen C. Nun ja. Und wir haben eine Kampagne, die nicht ankommt. Auch wenn zumindest das Motiv "Täglich 3000 Chemnitzer unter der Haube" eine schöne Text-Bild-Spannung besitzt. Aber Chemnitz und Bauhaus - das ist so viel Blödsinn wie Chemnitz und Räuchermännchen oder Tulpe und exotische Pflanze.

infos · 03.09.2010
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