Bekanntschaften mit Biografien und Porträts

Ausgabe: November 1995

Henry Schmidt
Der Eichmann von Sachsen
Um Henry Schmidt, den sächsischen Vollstrecker der NSDAP-Rassengesetze aus Chemnitz, vier Jahrzehnte nach Kriegsschluß dingfest zu machen, bedurfte es juristischer Kontakte der damals ,beiden deutschen Staaten‘. Die entscheidenden Impulse zur Identifikation des ehemaligen Leiters des Judenreferates der Staatspolizeileitstelle Dresden erwuchsen aus der Rechtshilfe zwischen dem DDR-Generalstaatsanwalt und der Westberliner Staatsanwaltschaft. So konnte, wenn man der Prozeßberichterstattung folgt, der MfS-Apparat in Opole und Prag fündig werden und dem Gestapo-Kommissar auf die Spur kommen. Am 9. April 1986 wurde Schmidt in Altenburg verhaftet und im September 1987 zu lebenslanger Haft verurteilt: "Es ist absolut gewiß, daß nahezu 400 jüdische Einwohner durch die beschriebene Mitwirkung des Angeklagten ermordet worden sind, und ebensoviele sind, nachdem sie von Schmidt in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert worden waren, seitdem spurlos verschwunden."
SS-Obersturmführer Henry Schmidt (NSDAP-# 321 297) hatte als einer der frühesten dreißig Chemnitzer "Hitlerjungen" zuerst als Trommler im Spielmannszug und dann im SA-Sturm 104 des späteren Standartenführers Friedrich Schlegel gedient. Seine SS-# 9926 ging ihm auch nicht aus dem Kopf, als er nach Kriegsschluß untertauchte; zuerst im nahen Oelsnitz, danach in einer Altenburger Sandgrube und lange dort als Geschäftsführer einer AWG, als "guter, zuverlässiger Durchschnittsbürger", dem gelegentlich die Aktivistennadel angesteckt wurde. Seinen Namen behielt er ob seiner Unauffälligkeit bei, seine Kinder kannten nur die geschönte Biografie, einzige Mitwisserin blieb seine Ehefrau, die ihn auch als "Werwolf" in den Dresdner Wäldern kannte. Personalunterlagen fälschte er geschickt, verfügte doch der Sattlerssohn als gelernter Baukaufmann mit der an einer Chemnitzer Realschule erworbenen Mittleren Reife
über ausreichendes Grundpotential für seine eigenwillige Laufbahn.
Wenige Zeugen, die der Gestapo-Praxis entkamen oder die Pein knapp überlebten, sagen im Prozeß vor dem Dresdener Bezirksgericht aus, darunter der Chemnitzer Justin Sonder, Ende 1943 zuerst im Untersuchungsgefängnis Hartmannstraße inhaftiert und mit 40 weiteren Chemnitzern jüdischer Religion über Dresden-Hellerberg nach Auschwitz deportiert. Obersturmführer Henry Schmidt vollstreckte mit penibler Akribie des akuraten Baukaufmanns die Rassenparagraphen des Dritten Reiches.
Als Defa-Dokumentaristin gehörte Roza Berger-Fiedler zu den Prozeßberichterstattern. Am 8. November wird ihr Film "Herr Schmidt von der Gestapo" im Lesecafé "exlibris" in der Bibliotheksreihe "Chemnitzer Köpfe" im Beisein der Regisseurin gezeigt. Denn dazu kann nicht geschwiegen werden.
[Addi Jacobi]


infos · 08.09.2010
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