Die ZDF-Sendung "Damals" erinnerte kürzlich an Ereignisse des Kalten Krieges vor 40 Jahren Zwischen Kriegsende und Mauerbau, so Guido Knopp, wurden von den Wollweber-Mielke-Kräften über 1000 prominente 'Republikflüchtige' oder missliebige Stimmen, die aus dem Westen ihre Empörung verbreiteten, entweder auf DDR-Gebiet gelockt oder dort verhaftet oder in Westberlin entführt. Dabei fiel auch der Name des Rechtsanwaltes Linse. Er wurde mitten auf der Straße am hellen Tag gekidnappt. Menschenraub in Berlin im Namen von Hammer, Zirkel, Ährenkranz. Dr. jur. Walter Linse war Chemnitzer. Wenn nach einem Chemnitzer gefragt wird, der im Sommer 1953 im sowjetischen Militärgefängnis Berlin-Lichtenberg verurteilt, in die SU abtransportiert und dort bald darauf, obwohl "bei bester Gesundheit und seelisch ungebrochen", den Tod gefunden hat, lautet die Antwort: Walter Linse. Ein Opfer des Stalinismus! Als politischer Flüchtling hatte Dr. Linse Chemnitz 1949 den Rücken gekehrt und im Westberliner "Untersuchungsausschuß Freiheitlicher Juristen" zum Zeitpunkt des Menschenraubes die Position des Leiters des Referats Wirtschaft erreicht, wo er, wie aus dem Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen 1963 verlautete, vornehmlich "mit den rechtsstaatswidrigen Enteignungen in der SBZ" (sowjetische Besatzungszone - d. A.) befasst war. Andere Quellen nennen bereits 1947 als Fluchtjahr. Als Sohn eines Postsekretärs durchlief Dr. Walter Linse seine Ausbildung bis 1931, ließ sich bis 1938 als Rechtsanwalt in Chemnitz nieder und stand von Mai 1938 bis zum 31. März 1949 als Referent und Geschäftsführer im Dienst der Industrie- und Handelskammer Chemnitz.
Wie verlief der Menschenraub? Nach amtlichen Quellen wurde Dr. Linse am 8. Juli 1952 gegen 7:25 Uhr auf dem Weg zur Arbeit unweit seiner Wohnung in Berlin-Lichterfelde von Stasi-Leuten angesprochen, hinterrücks mit einem bis dahin versteckt gehaltenen Sandsack niedergeschlagen, "in ein mit laufendem Motor bereitstehendes Auto gezerrt und in die SBZ verschleppt." Er habe dabei einen Schuss in ein Bein erhalten; auch auf Verfolger wurde geschossen. "Der Schlagbaum auf sowjetischer Seite war offenbar vorher schon geöffnet", beschreibt Munzinger den sichtlich von langer Hand vorbereiteten Vorgang. Dr. Linse stand kurz vor seinem 50. Lebensjahr. Um die Verfolger abzuschütteln, warfen die Stasi-Genossen Eisenspitzen und Reifentöter auf die Fahrbahn.
Die Entführung Dr. Linses erregte internationales Aufsehen. Die westlichen Hochkommissare intervenierten, der Deutsche Bundestag trat mit einer Protestkundgebung in Erscheinung, doch auch der Vorschlag, den Fall vor die UN zu bringen, brachte dem Chemnitzer die verlorene Freiheit nicht zurück.
Zunächst, so ergaben es verschiedene Zeugenaussagen, wurde Dr. Linse zuerst in einer Pankower Stasi-Zelle festgehalten und später ins Sowjet-Militärgefängnis gebracht. Nach dem Urteil verlor sich seine Spur in Malenkows und Berijas SU. "Seitdem war sein Schicksal ungewiss, bis das sowjetische Rote Kreuz Ende Mai 1960 offiziell mitteilte, dass Dr. Linse bereits am 15. Dezember 1953 in der SU verstorben sei." Die Anfrage des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes war auf Ersuchen der Gattin Dr. Linses in die Wege geleitet worden. Die Todesnachricht wurde zwar später als Irrtum deklariert - fest steht, dass die Todesumstände im Dunkeln blieben. Unsere Galerie "Chemnitzer Köpfe" erscheint erstmals ohne Fotoporträt, denn es ist uns vorerst nicht gelungen, ein Bildnis zu beschaffen. Wenn im August kommenden Jahres an den 90. Geburtstag des Rechtsanwaltes Dr. Walter Linse zu erinnern sein wird, soll es aufgefunden sein, sollen die Chemnitzer Adressen und viele weitere Umstände zum Verständnis der Persönlichkeit aufgeklärt sein. Helfen Sie, wenn Sie können, bei der Bewertung der Vergangenheit! Schreiben Sie bitte unserer Redaktion.
[Addi Jacobi]











